Danias Garten

Vom Pflanzen, Nähren, Blühen und Ernten…

Richtung Bullerbü February 24, 2013

Filed under: Familie,Gartengeschichten — daniakoenig @ 10:11 pm

In den letzten Wochen habe ich einige Filme gesehen, die etwas älter waren, teilweise schwarz-weiß, von 1962 – 1984.
Darunter auch “Wir Kinder aus Bullerbü”, den ich gemeinsam mit meiner Tochter, 7 Jahre, sah.

Ich war verblüfft. Nach diesen “alten” Filmen fühlte ich mich ganz anders als nach einem Abend mit modernen Filmen oder Serien. Ruhig, ausgeglichen.

Ganz offensichtlich: früher nahm man sich mehr Zeit! Es darf in diesen alten Filmen auch mal ein paar Sekunden Ruhe sein. Man darf zusehen, wie jemand über die Straße läuft, ohne dass 5 Schnitte in dieser Szene sind, oder Musik dudeln muss, um eine Pause zu überbrücken.
Die Farben sind ruhig, nicht so grell. Oder gar schwarz-weiß. Seltenere Schnitte, weniger Musik. Die Themen sind anders, oder werden anders beleuchtet.
Eine Wohltat.

Das hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Habt ihr “Wir Kinder aus Bullerbü” gesehen mit euren Kindern? Wahrscheinlich würden viele diesen Film als “langweilig” bezeichnen.
Wir sehen, wie die Kinder leben, spielen, einkaufen gehen, zur Schule gehen, den Eltern helfen… es passiert irgendwie gar nichts Wildes. Wir sehen, welche Spiele sich die Kinder ausdenken, wie sie lustige Sprachen erfinden, womit sie sich beschäftigen. Wir sehen fern. Wiesen, Felder, Tiere, Kinder. Wir schauen zu. Ohne überfordert zu werden.
Es gibt keinen Streit. Da sind keine Probleme, die gelöst werden müssen. Verglichen mit den Sendungen, die in der Welt meiner 7jährigen gerade aktuell sind (und wir schauen WIRKLICH nicht viel fern, nur am Wochenende, und nur ausgewählte Sendungen), ist dieser Film Balsam für die Augen und die Seele.
Viele andere Sendungen für Kinder sind grell, laut, viel Musik, und andauernd Probleme, Lösungen finden. Streit, Schlichten. Probleme, Lösungen finden. Streit, Schlichten. Probleme, Lösungen finden. Streit, Schlichten. Probleme, Lösungen finden. Streit, Schlichten.

Ist das, was wir unseren Kindern durchs Fernsehen mitgeben wollen?
Ist das der Grund, warum es in ihrem Kinder-Alltag genau so aussieht? Probleme, Lösungen finden. Streit, Schlichten. Ich habe das Gefühl, dass es in der Schule meiner Tochter den ganzen Tag darum geht. Probleme, Lösungen finden. Streit, Schlichten.

Haben die Kinder heute es verlernt, Spiele zu spielen? Miteinander zu lachen, albern zu sein, nichts zu tun?
Kennen eure Kinder Langeweile? Eine kreative Langeweile, ruhige Nachmittage, an denen nichts passiert, außer das, was wir uns in unseren Köpfen ausdenken, das, was wir mit unseren eigenen Händen bauen, basteln, zum Leben erwecken?
Oder müssen heutzutage alle Kinder “unterhalten” werden, entertaint, berieselt?

Sind die Filme ein Zeitzeugnis?
Ich bekomme, je mehr ich darüber nachdenke, das Gefühl, dass die alten Filme und die Art, wie sie gemacht sind, natürlich auch ihre Zeit widerspiegeln.
Ja, früher saß man in einem Bus oder der Bahn und sah aus dem Fenster. Heute starrt man auf sein iPhone. Wir Kinder spielten stundenlang draußen, am Waldrand, am Bach, auf der Straße, mit einem Ball oder einfach nur unserer Fantasie, bis es dunkel wurde. Heute finden Playdates in Kinderzimmern statt, mit ferngesteuerten Hunden und sprechenden Puppen, und die Mutter bedient die Kinder mit Snacks und Getränken.

Ich will wieder zurück. Zurück nach Bullerbü.

So oft ich kann, versuche ich, Ruhe in unseren Alltag zu bringen.

Seid mal alle ganz leise und sagt mir, was ihr hört – das Ticken der Uhr? Das Brumen des Kühlschrankes? Den Lastwagen, der gerade vorm Fenster vorbeigefahren ist?

Und was riecht ihr – das Brot, das im Ofen backt? Die Creme auf eurem Gesicht? Das Duschgel aus dem Badezimmer?

Was seht ihr – die Sonnenflecken auf dem Teppichboden? Die tausend verschiedenen Grüntöne im Garten? Die Wolken, stundenlang die Wolken???

Ich finde es so wichtig, Dinge wahrzunehmen. Außerhalb von uns, und innerhalb. Fähig zu sein, sich etwas vorzustellen. Gefühle zu benennen. Grenzen zu sprengen.
Ich liebe es, wenn man Zweinhalbjähriger den Apfel aus seinem Bilderbuch “pflückt” und mit mir teilt.

Gerade in den letzten Wochen wurde mir das alles mehr und mehr bewusst.

Zur Zeit ändert sich vieles in unserem Leben.
Ich wurde durch zwei wunderbare Bücher sehr dazu inspiriert, unsere Ernährung umzustellen. Wir essen nun gluten- und zuckerfrei. Verzichten weitestgehend auf Lebensmittel, die zu viel Stärke enthalten. Wir trinken unpasteurisierte Milch. Wir kaufen lokales Gemüse und Obst, Fleisch, von dem wir wissen, woher es kommt. Wir bauen unser eigenes Gemüse an. Ich backe unser eigenes Brot (getreidefrei), mache unser eigenes Joghurt, eigenen Kefir, eigenen Frischkäse. Wir machen unsere Marmelade selbst, unsere Nussbutter, und vieles mehr. Ich koche traditioneller (gerade köchelt eine Hühnerbrühe im Topf), bewusster, nahrhafter.

Das hat innerhalb weniger Wochen viel verändert. Die ganze Familie ist gesünder, ausgeglichener und hat mehr Energie.
Gleichzeitig wird uns vieles bewusster; wir sehen mehr und mehr, wie oft wir uns bisher haben treiben lassen, in vielen Bereichen, einfach, weil “alle das so machen”, oder einfach, weil man nicht nachdenkt, ja, keine ZEIT hat, nachzudenken – alles muss ja schnell gehen, effektiv sein.

All das nehme ich in letzter Zeit bewusster wahr, und ich frage mich, was das ist in mir, das sich so sehr nach Ruhe sehnt, nach Nachhaltigkeit, nach Werten und Sinnhaftigkeit.

Liegt es daran, dass ich hier in Amerika lebe? Ist es hier so anders als in Deutschland oder nehmen deutsche Familien das auch so wahr? Fällt es mir nur auf, weil ich inzwischen mehr Kinder habe, und die Kinder älter werden, und der Alltag voller? Habe ich etwa eine interessante Form der Midlife-Crisis??

Irgendwie ist ein Ball ins Rollen gekommen hier bei uns zuhause, und ich finde es sehr spannend zu sehen, wohin er rollt.

Ich habe das Gefühl, Richtung Bullerbü…
❀❀❀

backtoBullerbü

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